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So geht's zu bei den Reichen und Schönen

Olena Kais war schon in der ganzen Welt unterwegs, ihr Zuhause hat sie jedoch in Tröstau gefunden. Hier fühlt sich die passionierte Köchin und Urur-Enkelin von Leo Tolstoi wohl und verwöhnt ihre Gäste mit frischen Zutaten.

Julia Kuhbandner
Olena Kais großes Vorbild ist Spitzenkoch Paul Bocuse. In ihrer Küche legt sie vor allem Wert auf frische Zutaten. Foto: Julia Kuhbandner  

Olena Kais war schon in der ganzen Welt unterwegs, ihr Zuhause hat sie jedoch in Tröstau gefunden. Hier fühlt sich die passionierte Köchin und Urur-Enkelin von Leo Tolstoi wohl und verwöhnt ihre Gäste mit frischen Zutaten. Weil sie außerdem weiß, was es heißt, in ärmsten Verhältnissen zu leben, hilft sie Menschen in Not.

LA BODEGA

Das "La Bodega" in Tröstau hat noch bis Ende November geöffnet und nimmt Reservierungen über die Weihnachtsfeiertage entgegen. Außerdem bietet Olena Kais Partyservice an. Weitere Informationen unter www.labodegaamgolfplatzfahrenbach.com.

 

 

 

von Julia Kuhbandner

 

TRÖSTAU Wenn Olena Kais in ihrer Küche steht und ihr Blick über die vielen frischen Zutaten schweift, glänzen ihre Augen. Übers Essen kann man mit ihr nicht nur reden, sondern regelrecht philosophieren. Nicht überraschend, dass ihr großes Vorbild Paul Bocuse ist. Sein Standardkochbuch hat einen Ehrenplatz auf der wuchtigen antiken Theke aus dunklem Holz im Gastraum ihres Restaurants "La Bodega" in Tröstau. Gleich neben ihrem Gästebuch. Voller Stolz zeigt sie die Einträge in allen großen Weltsprachen.

Kais wurde auf der Insel Krim geboren, ihre Mutter ist Russin, ihr adeliger Vater halb Russe, halb Deutscher, wie sie erzählt. Ihre Mutter sei eine sehr schöne Frau aus armen Verhältnissen gewesen. "Wenn die Liebe sich ihren Weg sucht, spielt der Status keine Rolle", sagt sie und lächelt. Die Liebesgeschichte ihrer Eltern sei bis zum Ende sehr romantisch gewesen. "Ich habe gesehen, wie sehr ein einzelner Mann eine Frau lieben kann."

Sie tragen Namen
der Zarenfamilie

Alle Nachfahren ihres Vaters - er ist ein bekannter Onkologe auf der Krim - tragen Namen der Zarenfamilie. Denn der Bruder ihres Urur-Großvaters ist der berühmte Schriftsteller Leo Tolstoi und gehörte zur ältesten Adelsfamilie in Russland, berichtet die Gastwirtin stolz. Ihr Vater wurde in einem Lager in Sibirien geboren, erfuhr erst nach seinem 40. Geburtstag von seiner spannenden Familiengeschichte.

Obwohl Olena Kais Ukrainerin ist, steht auf ihrer Speisekarte spanische Küche. Denn die bedeutet für sie pure Lebensfreude, allein durch ihre Vielfalt an Gewürzen. Allerdings müsse man die typischen Tapas, kleine Appetithäppchen, im Steinofen zubereiten, um den authentischen Geschmack zu erreichen. "Mit einem Konvektomaten ist das nicht möglich." Zur Zubereitung sind die speziellen Cazuela-Schälchen unentbehrlich. Sie halten bis zu 450 Grad Hitze aus.

Doch ihre Philosophie geht noch weiter: Frische Zutaten und authentische, nicht eingedeutschte Küche sind für die Köchin das A und O. "Ich möchte kein Fleisch von gequälten Tiere oder totgefrorenes Gemüse."

Privat kocht die 47-Jährige am liebsten asiatisch und italienisch. Ihre Kochlehre absolvierte sie bei Sergio Soprano im Hotel Luitpold in Schweinfurt, ein kleines Lokal mit 20 Sitzplätzen, das wegen seiner kurzen, aber frischen Speisekarte immer für Wochen ausgebucht war. "Soprano hat mich sehr inspiriert. Entweder kann man kochen oder nicht." Sie betrieb auch schon mehrere eigene Restaurants, bevor sie als Butler-Dame abgeworben wurde. Durch ihre adeligen Großmütter konnte Kais als Kind bereits Silber putzen, Besteck richtig auflegen und Antikmöbel restaurieren.

Bei sechs verschiedenen Arbeitgebern verwaltete Kais als Butler-Dame Häuser und das Personal, organisierte Partys und Geschäftsessen. Und lernte von den Handwerkern, die dort arbeiteten. "Nur Fliesenlegen und Elektroinstallationen kann ich nicht", sagt sie und lacht. Besonders schwärmt sie von ihrer Zeit bei dem deutschen Multi-Millionär Helmut Spikker. "Dort habe ich sehr viel über diese Welt gelernt. Erfolgreiche Unternehmer spielen nach außen eine gottgleiche Rolle, zu Hause sind sie wie unbeschwerte Kinder, die sich die Frikadelle direkt aus der Pfanne in den Mund schieben und ihrer Frau Frühstück ans Bett bringen", sagt sie. Sie hätten die gleichen Träume und Ängste wie jeder andere, "nur mit verdammt wenig Zeit".

Millionärs-Gattinnen werfen mit Schuhen

Der Schweizer Unternehmer Urs Bühler sei ihr Lieblings-Chef gewesen: "Es war unglaublich, wie liebevoll er mit Tieren und Menschen umging. Einen besseren Menschen habe ich nie kennengelernt." Er habe sein Leben gelebt, mit bodenständigem Auto, ohne Bodyguards. Aber auch das Gegenteil habe sie schon erlebt - etwa Millionärs-Frauen, die ihr Personal menschenverachtend behandelten und mit Schuhen bewarfen. "Die Hälfte des Gehaltes ist Schmerzensgeld. Es ist mehr eine Berufung als ein Beruf."

Vor vier Jahren hängte sie diesen 24-Stunden-Job an den Nagel, "um das zu machen, was ich für richtig halte". Denn ihre Gesundheit habe gelitten. Zwei Jahre kämpfte sie mit Problemen an Herz und Lunge. Die Ärzte empfohlen ihr Berge, frische Luft und leichten Sport wie Golf. Durch Zufall fand sie ein Haus in Tröstau. "Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe hier drei Tage Urlaub gemacht und das erste Mal durchgeschlafen. Auch ihr Hund "Bubu" hatte damals einen Schlaganfall. "Wir sind hier beide wieder gesund geworden." Im vergangenen Jahr baute sie das Haus unterhalb des Golfhotels in Tröstau komplett um, inklusive Restaurant, Gästezimmer und ihrer eigenen Wohnung. Als der Pächter absprang, beschloss sie, im August selbst ein Restaurant aufzumachen. "Ich wollte wieder kochen."

Die selbstbewusste Blondine kocht heute nicht nur, sondern kauft und renoviert alte Häuser und vermietet diese an finanziell schwach gestellte Menschen wie alleinstehende Mütter oder Insolvente. "Jeder kann einmal in eine Notlage geraten. Und in dem Moment gibt er einen Traum auf." Sie glaubt an diese Menschen und gibt ihnen eine Chance, sich weiterzuentwickeln. So wie an die junge, tätowierte Mutter mit grünen Haaren, Kind und Hund: "Es gibt kaum einen Vermieter, der so jemandem eine Chance gibt." Kais ist selbst Mutter einer mittlerweile 28-jährigen Tochter.

Als sie vor 24 Jahren als Asylbewerberin nach Deutschland kam, musste sie ihre Tochter Anastasia bei ihrer Mutter in der Ukraine lassen. "Das war eine schwere Entscheidung. Aber ich habe es auch für sie getan." Nach vier Jahren kam ihre Tochter wieder zu ihr zurück, da hatte ihre Mutter schon deutsche Papiere. Ihrem eigenen Vater musste Kais versprechen, dass sie ihre Verwandten in Westeuropa nicht suchen würde, bis sie eine bedeutende Person sein würde. "Und das habe ich gemacht. Ich wusste ja auch gar nicht, was ich sagen sollte", sagt sie und lacht.

Wirtschaftsflüchtlinge kann Kais irgendwie verstehen. "Doch wir hatten zur damaligen Zeit viel weniger. Jeder war bemüht, sich zu integrieren und aus der Asylunterkunft herauszukommen, um sich ein eigenes Leben aufzubauen." Als Putzfrau habe sie am Anfang nur die Hälfte von dem Lohn ihrer deutschen Kollegen verdient. "Dreck wegzuräumen ist keine Schande. Im Dreck zu leben schon." In ihrer Heimat habe sie nicht nur in Armut gelebt, sondern in Knechtschaft. "Viele Asylbewerber vergessen das. Ich helfe auch Flüchtlingen und Migranten. Aber ich helfe nur den guten Menschen. Jeder von ihnen hat eine Chance verdient."

Ihre Chance hat Olena Kais jedenfalls genutzt. Sie spricht mittlerweile neun Sprachen, derzeit lernt sie Tschechisch. "Ich habe keine großen Erwartungen, also kann ich auch nicht enttäuscht werden. Natürlich habe ich Träume, aber es gibt große und kleine." Einer ist zum Beispiel ein Trip mit dem Wohnwagen nach Italien. Und sie möchte ein Konzept für betreutes Wohnen entwickeln, das sich neben alten Menschen auch an Burnout-Patienten und alternativ Denkenden orientiert. "Ich urteile nicht über jemanden, in dessen Schuhe ich nicht gelaufen bin und umgekehrt kann keiner die Welt so sehen wie ich, wenn er nicht das erlebt hat, was ich erlebt habe."

    
    

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