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Eine Mama für viele Fälle

Nicht jedem ist ein behütetes Elternhaus vergönnt. So hat auch das Jugendamt im Landkreis Wunsiedel viel zu tun.

Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Kinder aus ihrem Elternhaus wegmüssen. Das Kreisjugendamt Wunsiedel sucht wegen der zunehmenden Fallzahlen neue Pflegefamilien. Foto: Adobe Stock/Photographee.eu   » zu den Bildern

Nicht jedem ist ein behütetes Elternhaus vergönnt. So hat auch das Jugendamt im Landkreis Wunsiedel viel zu tun. Ein drängendes Problem: Wo sollen die Kinder und Jugendlichen hin, die aus ihrem Elternhaus "entnommen" wurden ? Die Behörde ist deshalb auf der Suche nach neuen Pflegefamilien.

88 KINDER LEBEN IN PFLEGEFAMILIEN

Derzeit sind im Landkreis Wunsiedel zirka 88 Kinder in rund 70 Pflegefamilien untergebracht. Wer sich für das Thema interessiert, kann sich jederzeit melden und unverbindlich beraten lassen - auch zu den finanziellen Hilfen, die Pflegefamilien gewährt werden.

Zuständig ist Heike Burger, Diplom-Sozialpädagogin (FH), Landratsamt Wunsiedel, Pflegekinderdienst des Kreisjugendamtes Wunsiedel, Telefon 09232/80321, E-Mail: heike.burger@landkreis-wunsiedel.de.


von Tina Eckardt

WUNSIEDEL "Ich hab sie alle geliebt", sagt Anja Hager. Und dass diese Aussage von Herzen kommt, steht ihr dabei ins Gesicht geschrieben. Seit rund 20 Jahren ist sie Pflegemutter im Landkreis Wunsiedel und gibt dabei Kindern, die in ihren Familien nicht mehr bleiben können, für kurze oder auch längere Zeit ein richtiges Zuhause. Vom Baby bis zum 17-jährigen Teenager - bei den Hagers sind in all den Jahren insgesamt elf Kinder jeden Alters untergekommen. Mal blieben sie nur wenige Wochen, in einem Fall sogar für immer. Eines ihrer Pflegekinder ist inzwischen erwachsen, mitten in der Ausbildung und wurde von den Hagers adoptiert. "Wir haben ein extrem inniges Verhältnis", sagt sie. "Kein Wunder, sie ist bei uns, seit sie zwei ist. Wir haben viele Höhen, aber auch ein paar Tiefen durchgemacht. Ich schätze mich glücklich, zu meinen zwei leiblichen Söhnen eine so tolle Tochter dazu bekommen zu haben."

"Ich wollte
einfach helfen"

"Ich wollte einfach helfen", beschreibt Anja Hager ihre Motivation, die damals zum Entschluss geführt hat, sich beim Jugendamt als Pflegefamilie zu melden. "Das war ganz unkompliziert. Man wird von den Profis gut begleitet und steht nie alleine da." Und der Bedarf ist da: Die Experten vom Kreisjugendamt sprechen von einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen in den vergangenen Jahren. Im Moment werden 88 Pflegekinder im Landkreis Wunsiedel betreut, wie Anke Rieß-Fähnrich, Pressesprecherin des Landratsamtes, mitteilt: "Das Kreisjugendamt Wunsiedel hat sich bewusst dafür entschieden, Kinder und Jugendliche bevorzugt in eine Pflegefamilie zu integrieren, statt sie in einer Einrichtung unterzubringen. Deshalb brauchen wir immer wieder Familien, die sich dazu bereit erklären, Kinder und Jugendliche, die vielleicht auch manchmal etwas schwierig sind, in ihrer Familie aufzunehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ein Leben in einer Familie zu leben und ,Eltern‘ zu haben, die sie lieben und sich für sie einsetzen."

So wie Anja Hager. Besonders gefällt ihr, dass man als Pflegefamilie ein Mitspracherecht hat: "Man darf im Vorfeld sagen, welche Kinder man aufnehmen möchte. Oder wie alt sie sein sollten." Oft wisse man zunächst nichts über den familiären Hintergrund, aus dem das Kind kommt, "und das ist auch gut so". Die vielfache Pflegemutter gibt sich da ganz pragmatisch: "Wenn man es einfach behandelt wie die eigenen Kinder, dann macht man schon alles richtig." Häufig entscheiden sich die Ursprungseltern in Absprache mit dem Kreisjugendamt einvernehmlich für eine solche Lösung. Rieß-Fähnrich: "Gegen den Willen der Eltern müssen höchstens fünf bis acht Kinder pro Jahr aus dem Elternhaus genommen werden." Ein Grund sei häufig eine mangelnde Erziehungskompetenz, zum Beispiel wenn die Eltern drogenabhängig sind. Oft seien Eltern auch grundsätzlich überfordert, etwa wenn sie selbst (psychisch) krank sind. "Gelegentlich führen auch pubertäre Entwicklungen und deren Auswirkungen zu heftigen Auseinandersetzungen, sodass diese zu kurzfristigen Unterbringungen in einer Pflegefamilie führen, um die Familiensituation zu entspannen", sagt Rieß-Fähnrich weiter. In der Regel bitten überforderte Familien das Jugendamt selbst um Hilfe. Neben anonymen Hinweisen wird das Jugendamt aber auch von Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen, Ärzten, Verwandten oder Nachbarn alarmiert.

Sollten auch in der Pflegefamilie Probleme auftauchen, sind die Profis vom Jugendamt da. Sie stehen zum Beispiel für Gespräche zur Verfügung, vermitteln Hilfe oder Therapien, falls das nötig sein sollte, und wenn es mit einem Kind gar nicht klappen will, dann haben sie dafür volles Verständnis. Rieß-Fähnrich: "In manchen Fällen ist ein Wechsel der Pflegefamilie der richtige Weg. Oftmals zeigen jedoch Jugendliche, die auch in Pflegefamilien nicht klarkommen, intensive Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Störungen, wie Magersucht oder ,Ritzen‘." In diesen Fällen werden sie in stationären Wohngruppen oder Wohngemeinschaften untergebracht und intensiv durch ausgebildetes Fachpersonal betreut. "Das ist uns im Laufe der vielen Jahre zum Glück aber nur einmal passiert", erzählt die langjährige Pflegemama Anja Hager.

Ein liebevolles Zuhause, eine klare Linie und Struktur - mehr müsse man als Pflegefamilie meist nicht leisten, erklärt sie weiter. "Natürlich investiert man, aber die Kinder geben so unglaublich viel zurück. Ich habe die Entscheidung nie bereut", sagt sie. Aber man müsse als Familie schon dahinter stehen. Vom Familienvater bis zu den eigenen Kindern - alle müssten bereit sein, sich auf die neuen Familienmitglieder einzulassen. "Nur dann kann es auch gut funktionieren", sagt die erfahrene Pflegemama.

Und man muss natürlich auch wissen, dass die Kinder wieder gehen. Anja Hager: "Natürlich habe ich sie vermisst, wenn sie weg waren. Aber das gehört dazu. Und zu den meisten habe ich bis heute Kontakt. Ich wollte immer wissen, wie es ihnen danach weiter ergangen ist. Aber das kann ja jeder für sich selbst entscheiden, ob er das so möchte."

Anja Hager ist eine tolle Frau und engagierte Pflegemutter, die anderen Familien Mut machen möchte, sich vielleicht auch für den Schritt zur Pflegefamilie zu entscheiden. Mit der Unterstützung der Profis vom Kreisjugendamt ist das auch für "Neulinge" zu schaffen - und die Mitarbeiter sind froh, wenn sie neue Anlaufstellen haben, wo sie die Kinder gut betreut unterbringen können.

Besondere Vorkenntnisse sind nach Auskunft des Kreisjugendamtes nicht nötig. "Sie müssen jedoch im Rahmen der Eignungsüberprüfung ein spezielles Pflegeelternseminar absolvieren", berichtet Anke Rieß-Fähnrich weiter. Und im Herbst startet zum Beispiel ein mehrteiliges Seminar für Pflegeeltern zum Umgang mit traumatisierten Kindern - zusammen mit dem Jugendhilfeträger SySTEP.

Damit Kinder nicht "vom Regen in die Traufe" kommen und bei "bösen Pflegeeltern" landen, überprüft das Kreisjugendamt sehr genau, ob sich eine Familie als Pflegefamilie eignet. "Die Gefahr, dass sich Pflegeeltern dennoch als nicht geeignet herausstellen, besteht natürlich", berichtet die Pressesprecherin abschließend. "Deshalb halten wir selbstverständlich engen Kontakt."

    
    

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