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"Da gibt es nicht nur Schwarz und Weiß !"

Heiko Roith ist mit der Berichterstattung über die Flüchtlingsproblematik nicht einverstanden. Nachdem der Fotograf aus Selb ein syrisches Pärchen kennen gelernt hat, macht er sich auf einen gefährlichen Trip nach Damaskus auf.

Frau und Kind bringen Syrer, wenn sie flüchten müssen, bei Verwandten in Sicherheit. Wenn sie in der neuen Heimat Fuß gefasst haben, soll die Familie nachkommen - bevorzugt nach Deutschland. Fotos: Rock & Royalty   » zu den Bildern

Heiko Roith ist mit der Berichterstattung über die Flüchtlingsproblematik nicht einverstanden. Nachdem der Fotograf aus Selb ein syrisches Pärchen kennen gelernt hat, macht er sich auf einen gefährlichen Trip nach Damaskus auf.

von Martin Schikora

SELB Im vergangenen Jahr reiste Heiko Roith nach Tschernobyl, um das Katastrophengebiet rund um den Kernreaktor in Bilder zu fassen. Als er im Herbst hier in der Region zufällig ein syrisches Pärchen in einer Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge kennen lernt, beschließt er, selbst nach Syrien zu reisen. "Die Mediengeschichten haben mich genervt. Da gibt es nur Schwarz oder Weiß."

Die 26-jährige Frau und ihr 33-jähriger Mann waren aus Syrien mit ihrem kleinen Sohn geflohen, nachdem man den Vater der Frau entführt und enthauptet hatte. Da sie sich in Damaskus an Demonstrationen gegen die Baath-Partei von Staatspräsident Baschar Hafiz al-Assad beteiligt hatten, wurde auch das junge Paar verfolgt. Nach einer zweijährigen Odyssee durch verschiedene Länder sind sie mit ihrem Kind im Fichtelgebirge gelandet.

Dass ihr Bruder nach wie vor unbehelligt in Damaskus lebt, erzählt die 26-Jährige Heiko Roith, der daraufhin beschließt, den Bruder zu treffen - vor Ort, in Damaskus. "Ich habe mich gefragt: Wie haben die dort gelebt ? Wie sehen ihre Leute das ?", erzählt der Fotograf von seinen ersten Eindrücken. Und natürlich will er auch eine Antwort auf eine Frage, die sich in Deutschland aktuell viele stellen: "Warum sind überwiegend Männer hier ?"

Zwei Monate dauern die Vorbereitungen. Verschiedene Routen arbeitet Roith aus und sucht für die besondere Foto-Tour Sponsoren. Über Iran und Irak reist er schließlich nach Syrien. Dort trifft er sich mit seinem Kontaktmann Sam, der ihn in die syrische Hauptstadt Damaskus kutschiert. In den Außenbereichen ist die Metropole zerbombt. Im Stadtkern findet kontrastreich normales Leben statt.

Als bei einer Tasse Kaffee plötzlich Bomben detonieren, beruhigt ihn sein Begleiter: "That is two kilometres away." Der Lärm von einer zwei Kilometer weiter weg einschlagenden Bombe macht den Bewohnern also offensichtlich nichts mehr aus. Roith sagt: "Das ist Alltag für die. Die nehmen dich da auch irgendwann mit. Du bist dann plötzlich ganz entspannt." Kommuniziert wird hauptsächlich in Englisch, das die meisten jungen Syrer sprechen. In der 1,8-Millionen-Metropole sieht er junge Leute mit Smartphone am Ohr, Männergruppen beim Rauchen vor dem Haus. Im Kino läuft "Star Wars".

Während im Stadtkern der Hauptstadt also weitgehend normales Leben herrscht, kracht es ständig in den Außenbezirken. "Die Bilder, die man im Fernsehen sieht, sind nicht die Wirklichkeit", beschreibt der Fotograf seine Eindrücke. "Das muss schon sehr weit in den Außenbezirken sein." Die direkte Peripherie der Hauptstadt ist nahezu völlig zerstört.

Einen weiteren Reisetag verbringt der Selber Fotograf im Libanon. "Damaskus ist teuer. Da kostet ein Apfel zum Beispiel fünf Dollar." Deshalb reisen die reichen Syrer im kleinen Grenzverkehr hinüber in den Libanon. "Da ist wirklich ein Grenzübergang wie bei uns Selb-As oder in Schirnding", schildert Roith.

An einem weiteren Tag trifft er den Bruder der 26-jährigen Syrerin, die nach Deutschland geflohen ist. "Der ist dem Regime nicht negativ aufgefallen. Der wird nicht verfolgt." Der Bruder schildert Roith das Leben, dass die Familie einmal hatte, bevor sie im wahrsten Sinne des Wortes auseinander gesprengt wurde. Sie treffen eine Gruppe syrischer Männer, die den Deutschen freundlich begrüßen. Bayern München, Dortmund und Mönchengladbach kennen die Syrer vom Fußball. Dann stutzt der Deutsche: "Du Hitler. Guter Mann." Die Bezeichnung, mit der Heiko Roith anfangs so gar nichts anfangen kann, klingt erst im Kontext logisch. Die Syrer sehen in Israel einen gemeinsamen Feind. Von den Veränderungen in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs haben sie nur sehr wenig mitbekommen. "Viele Syrer sehen Deutschland als Verbündeten."

Warum viele Frau und Kinder zurück lassen, um ihr Heil in Europa - vor allem in Deutschland - zu suchen, will Roith von den Männern wissen. Die erklären, dass diejenigen, die flüchten müssen, ihre Familien in sichere Obhut geben, um als Familienoberhaupt anderswo eine Existenz aufzubauen. Alle, die flüchten, wissen, dass sie womöglich nie wieder nach zu Hause zurück kehren können. Insofern sei auch damit zu rechnen, schildert Roith, dass Asylbewerber, die dauerhaft bleiben dürfen, ihre Familien eines Tages nachholen wollen - egal wann. Welche Risiken die Familien für solche teils mehrjährige Fluchten auf sich nehmen, erfährt Roith, als er sich auf ein Schleuser-Boot begibt, das mehrere Stunden durch die Dunkelheit schippert, um irgendwo auf offener See ein Schleuser-Schiff zu treffen. Von dort aus geht die Odyssee weiter.

Roith wird demnächst noch einmal nach Syrien reisen. Dann im Auftrag der Vereinten Nationen, die ihn mit einer Fotodokumentation beauftragt haben.

    
    

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