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Viele Wege führen zum Abitur

Mittlere Reife und dann FOS/BOS: Manche junge Leute entscheiden sich bewusst nicht fürs Gymnasium und haben dennoch ein Studium zum Ziel.

Für ihr Abitur haben sie bewusst nicht den Weg über das Gymnasium, sondern über die FOS oder BOS gewählt und stehen dazu: (von links) Thomas Müller, Lukas Birnstiel, Lea Vogl Jannik Zapf, Christian Leichauer und Luisa Reuß mit stellvertretendem Leiter der FOS/BOS, Bertram Unger. Foto: KW/mbu  

Mittlere Reife und dann FOS/BOS: Manche junge Leute entscheiden sich bewusst nicht fürs Gymnasium und haben dennoch ein Studium zum Ziel.

KULMBACH Sechs junge Leute, sechs identische Wege zum Abitur, das sie bald ablegen werden: Luisa Reuß (18 aus Burgkunstadt, Thomas Müller (18) aus Neudorf bei Kasendorf, Lukas Birnstiel (18) aus Fischbach bei Kronach, Lea Vogl (20) aus Thurnau, Christian Leichauer (23) aus Stammbach und Jannik Zapf (20) aus Mainleus haben sich bewusst nicht für den "klassischen" Weg übers Gymnasium entschieden. Zum Teil sind sie direkt von der Realschule an die FOS/BOS in Kulmbach gekommen, zum Teil haben sie auch schon Berufsausbildungen absolviert und dann ihren schulischen Weg fortgesetzt. Ihr Ziel ist klar: Sie alle wollen studieren, ganz unterschiedliche Fächer haben sie auf dem Schirm. Und über noch eines sind sich alle sechs einig: Dieser Weg zum Abitur war für sie genau der richtige. Sie haben es nicht bereut und würden es wieder so machen, stünden sie noch einmal vor der Entscheidung.

"Nicht mein Ding"

Als Lea Vogl nach der Realschule ihre Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen hatte, war ihr klar: Ein ganzes Berufsleben im Büro, das ist nichts für sie. Jetzt ist sie in der 13. Klasse, besucht die Fachrichtung Wirtschaft und hat vor Lehramt zu studieren. Christian Leichauer ist ein Klassenkamerad. Er hat, um auf Nummer sicher zu gehen, die Vorklasse besucht. Heute sagt er zwar, dass er es auch ohne geschafft hätte. Sinnvoll sei es aber dennoch gewesen. Der Stammbacher hat nach Mittlerer Reife und Ausbildung zum Industriekaufmann sogar noch zwei Jahre in seinem Beruf gearbeitet. "Aber Büro war nicht so mein Ding", sagt auch er. Dass ihn sein Weg bald auf die Uni führen wird, ist sicher. Aufs Fach hat er sich noch nicht festgelegt. Lehramt oder Wirtschaftspädagogik stehen auf dem Wunschzettel.

Nicht stehenbleiben

Für die BOS, Fachrichtung Technik, hat sich Jannik Zapf entschieden. Mechatroniker im Bereich Kältetechnik hat der Mainleuser gelernt. "Aber ich wollte nicht auf diesem einen Punkt stehen bleiben", macht er deutlich. Er habe sich nicht für den Weg entschieden, Techniker oder Meister zu werden, sondern ein Studium angepeilt. Dafür braucht man ein Abitur, und das macht er gerade an der Berufsoberschule am Beruflichen Bildungszentrum in Kulmbach. Sein Fachabitur hat er, wie alle anderen aus der Gruppe, bereits in der Tasche. Jetzt steht die Allgemeine Hochschulreife an. Erneuerbare Technologien interessieren ihn ebenso. Luisa Reuß ist nach der Mittleren Reife direkt an die Fachoberschule gewechselt. Etwas mit Sprachen will sie studieren.

Thomas Müller wusste schon an der Realschule, dass er bis zum Abi weitermachen will. Seine Fachrichtung ist Sozialwesen. Sehr früh habe er schon gewusst, dass er studieren will. "Über die Realschule war mir der Weg angenehmer." Sportwissenschaften oder Sportmanagement hat er für seinen Berufsweg angepeilt. Lukas Birnstiel wollte ebenfalls von Anfang an studieren und hat dafür dennoch den Weg über die Realschule und dann die FOS/BOS ausgesucht. Was er werden will, ist klar: Notarzt. Er engagiert sich beim BRK. Doch Bonuspunkte über das Ehrenamt im Sanitätsdienst wird er wohl nicht brauchen. Sein Fachabi hat der 18-Jährige mit einer glatten 1,0 und als bester Absolvent der Adalbert-Raps-Schule in Kulmbach abgelegt und auch jetzt, kurz vor der Allgemeinen Hochschulreife ist er auf einem sehr guten Kurs, den Numerus Clausus für das Medizinstudium zu schaffen.

Dass es Möglichkeiten gibt, das Abi auf unterschiedlichsten Wegen zu erreichen, finden alle sechs FOS/BOS-Schüler prima. Sich schon in der vierten Klasse auf einen Lebensweg festzulegen, das meinen alle, sei einfach zu früh. Die Realschule stelle nicht so viele Anforderungen wie das Gymnasium. Man habe auf diesem Weg etwas von seiner Kindheit und Jugendzeit, die Schule bestimme nicht das ganze Leben. Punkte bekommt bei den Schülern auch das praxisorientierte Lernen, das an der Adalbert-Raps-Schule geboten wird, die auch alle Werkstätten und Einrichtungen des Beruflichen Bildungszentrums nutzen kann. Und schließlich seien ja mit der Mittleren Reife alle Wege offen. "Alles, wie es auch passiert, hat seinen Sinn. Man findet raus, was man will oder nicht", sagt einer der Schüler. Die anderen stimmen ihm zu.

Abitur ist Abitur

Bertram Unger ist der ständige Vertreter des Schulleiters an der FOS/BOS. Auch er unterstreicht die Aussagen seiner Schüler. Bedauerlich sei es, dass es immer noch falsche Beurteilungen dieses Bildungswegs gibt, sagt er. Weitverbreitet sei immer noch der Gedanke, dass nur das Abitur am Gymnasium das "richtige" sei. Das, sagt Unger, ist Unsinn: "Es gibt kein falsches Abitur. Wo Abitur draufsteht, ist auch Abitur drin."

Bertram Unger ist überzeugt: Das Abi über den Weg der FOS und BOS hat seine Vorzüge. Die Praxisorientierung in beiden Schulen sieht Unger ebenso als Plus wie die Vielzahl an Möglichkeiten in verschiedenen Ausbildungsrichtungen. "Je nach Neigung und Fähigkeiten können die Schüler bei uns selbst wählen, was sie machen wollen." Das betrifft nicht nur die Fachrichtung, sondern auch die Frage, ob man es bei der Fachhochschulreife belassen möchte oder ob man Allgemeine Hochschulreife noch dranhängt. Praktika sind in beiden Schulen verpflichtend vorgesehen. Das macht Sinn, gibt es doch schon einmal einen Einblick in den Bereich, den sich die Schüler ausgesucht haben. Wahlpflichtfächer in der 12. und 13. Jahrgangsstufe runden das Angebot ab. So kann jeder nach seinen eigenen Stärken seine Schwerpunkte wählen und kann vielleicht auch den einen oder anderen Schwachpunkt umgehen.

Momentan besuchen die Adalbert-Raps-Schule in Kulmbach knapp 350 Schüler, rund 50 davon in der BOS. Die Schülerzahlen an der Berufsoberschule sind rückläufig, sagt Bertram Unger und spricht von einem bayernweiten Phänomen. Die Gründe sind bekannt: "Die Lage am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt Markt ist so gut, dass die Betriebe viel tun, um ihr Personal zu halten." Diese Personen fehlen den weiterführenden Schulen. Es brauche Mut, einen festen Arbeitsplatz zu kündigen und nochmals zu lernen. Und auch an der FOS machten sich die verstärkten Bemühungen in der Wirtschaft, junge Menschen zu gewinnen, bemerkbar. Die Demographie sei ein weiterer Faktor. "Die Firmen saugen sehr viel auf. Das merkt man auch bei uns an der Berufsschule. Da sind die Zahlen stabil. Aber an den ‚freiwilligen‘ Schulen ist es rückläufig."

Beides hat Vorteile

Die Schülergruppe hört diese Ausführungen mit Interesse, kommt dann aber zu dem Schluss: "Gymnasium und FOS/BOS haben jeweils ihre Vorteile. Für uns war halt die FOS das richtige Modell, und wir finden es gut, diese Art von Unterricht zu haben." Bertram Unger hat auch seine Meinung, warum in den Köpfen vieler junger Leute und ihrer Eltern der "klassische" Weg übers Gymnasium zum Abi so im Vordergrund steht. "Das Gymnasium ist homogen. Jeder weiß, was ein Gymnasium ist. Das gibt es seit Jahrhunderten. Die FOS/BOS gibt es in der Form seit 50 Jahren in Bayern." Viele verschiedene Angebote werden in diesem Schulzweig gemacht, unterschiedlichste Wege können zum Abitur führen. "Dieses ganze Spektrum des Angebots zu überblicken ist ziemlich schwer, und man kann kein einheitliches Label draufdrucken." Genau das, ein einheitliches Label, haben die sechs Kulmbacher FOS/BOS-Schüler für sich nicht gewollt. Sie haben einen anderen Weg gewählt. Bald werden sie aber zusammen mit Absolventen eines Gymnasiums in denselben Hörsälen sitzen.

    
    

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