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"Wiesen müssen engmaschig durchkämmt werden"

GEFREES/MÜNCHBERG Im Frühjahr dieses Jahres hat es in Münchberg zwei Fälle gegeben, bei denen Bauern beim Mähen ihrer Wiesen Rehkitze angemäht haben.

Helmut Engel
Für dieses Jahr ist die Saison für die Kitzretter vorbei: Daniela Kerling von der Kitzrettung Fichtelgebirge sucht von Mai bis Ende Juli im hohen Gras nach abgelegten Kitzen, bevor der Bauer zum Mähen kommt. Sie hofft, dass sich nächstes Jahr noch mehr Jäger und Bauern an die Kitzretter wenden. Foto: Helmut Engel  

GEFREES/MÜNCHBERG Im Frühjahr dieses Jahres hat es in Münchberg zwei Fälle gegeben, bei denen Bauern beim Mähen ihrer Wiesen Rehkitze angemäht haben. Die Jungtiere wurden dabei so schwer verletzt, dass sie gestorben sind oder durch einen Schuss erlöst werden mussten. Besonders der Fall an der Pulschnitz zwischen dem ehemaligen Werk der Hammerröcke und der Eisenbahnlinie in Richtung Hof hat für Aufsehen gesorgt.

Anwohnerin Annett Levent ist durch einen Schrei bei ihrer Gartenarbeit auf das Drama aufmerksam geworden (der BLICKPUNKT berichtete). Der zweite Fall hat sich bei Poppenreuth ereignet. Hier hat Gerhard Rauh auf der Heimfahrt von Münchberg bei Poppenreuth beobachtet, wie ein Reh aufgeregt um einen mähenden Traktor herumgesprungen ist und immer wieder die gleiche Stelle in der Wiese aufgesucht hat. Der Burkersreuther hat sich die Stelle genauer angesehen und dabei ein zerfetztes und bereits totes Rehkitz gefunden. Er hat über die Polizei den Jagdpächter verständigen lassen. Seine Beobachtungen hat er auf der Homepage der "Kitzrettung Oberfranken" geschildert. Diese Seite hat die Gefreeserin Daniela Kerling eingerichtet. Wir haben mit der engagierten Tierschützern und Naturliebhaberin gesprochen.

Frau Kerling, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die "Kitzrettung Oberfranken" ins Leben zu rufen ?

Ich habe die Internetseite am 22. Mai eröffnet, weil ich Tage vorher gesehen und erlebt habe, was man machen kann, um die kleinen Kitze vor den todbringenden Kreiselmähern der modernen Landwirtschaft zu retten. Ich war bei einer Aktion in Pegnitz dabei. Hier hat der Bauer am Tag vorher den Jagdpächter verständigt, dass er seine Wiese mäht. In Pegnitz war zu diesem Zeitpunkt gerade eine Internetseite zur Kitzrettung eingerichtet worden. Innerhalb kurzer Zeit wurden 13 Leute gefunden, die sich an der Suche nach Rehkitzen beteiligt haben.

Und Sie hatten Erfolg ?

Das war für mich und alle Beteiligten ein großartiges Erlebnis. Wir haben innerhalb von drei Stunden auf der riesengroßen Wiese sechs Kitze im hohen Gras gefunden und gerettet.

Wie viele Leute haben sich Ihrer Initiative bereits angeschlossen ?

Die Initiative lebt von Facebook und da kann ich schon auf 900 Kontakte zählen. Eine engere Unterstützerin ist Melanie Thoma, eine Jägerstochter aus Marktredwitz. Sie organisiert die Einsätze im Raum Marktredwitz. Wichtig waren für die Initiative auch die Berichterstattungen in den Zeitungen, wie der BLICKPUNKT-Bericht über den Münchberger Vorfall, dadurch ist auch der BR auf den Vorfall aufmerksam geworden ist. Mit den Medienberichten werden Bauern, Jäger und auch Tierschützer wachgerüttelt.

Wie viele Aktionen haben Sie heuer durchgeführt ?

Wir hatten hier in der Region insgesamt fünf Aktionen. In Untersteinach hat eine Unterstützerin richtig getrommelt und 16 Leute auf die Beine gestellt. Da waren auch Familien mit Kindern dabei und gerade für die Kinder ist es doch ein tolles Erlebnis. Am erfolgreichsten war unser Aufruf in Benk bei Weißdorf. Der Jagdpächter Andreas Ziegler wusste, dass in der Wiese Kitze sind. Mit zwölf Leuten konnten wir hier zwei Kitze retten. Die waren aber schon etwas größer und wir konnten sie aus der Wiese treiben. Vor dem anrückenden Traktor wären sie aber sicherlich nicht weggelaufen, weil sie die Gefahr nicht erkannt hätten und für sie alles viel zu schnell gegangen wäre. Sie hätten keine Chance gehabt.

Wie funktioniert so ein Hilfeaufruf ?

Der Bauer verständigt den Jäger darüber, welche Wiese er mähen möchte. Der Jäger kennt sein Revier und weiß im Grunde ganz genau, wo Rehgeißen Kitze abgelegt haben. Über Facebook ist es ganz einfach, Leute für Rettungsaktionen zu mobilisieren. Und wenn der Jäger uns dann sagt, wo Kitze liegen könnten, erleichtert uns das dann die Suche. Für engagierte Jäger ist das kein Hexenwerk.

Warum legen die Rehgeißen ihre Kitze im Gras ab ?

Die Rehe glauben, dass die Kitze dort vor Feinden geschützt sind. Ein bis zwei Rehe sind ständig in der Nähe zu sehen. Bei Gefahr laufen sie in den Wald und wenn sie wieder zurückkommen, suchen sie ihre Babys. Wenn sie diese angemäht vorfinden, verharren sie dort oft tagelang und leiden genauso jämmerlich wie die angemähten Kitze.

Könnten nicht auch die Bauern vor dem Mähen durch das Feld laufen, um nach Kitzen zu suchen ?

Nein, das ist unmöglich. Alleine findet er auf den großen Wiesen überhaupt nichts. Die Wiesen müssen ganz engmaschig durchkämmt werden. Besonders in den ersten drei Wochen haben die Kitze einen Drückreflex und ducken sich ganz tief ins hohe Gras. Da kann man einen halben Meter davor stehen, ohne dass man den Rehnachwuchs sieht. Der Bauer könnte aber einen oder zwei Tage vor dem Mähen Scheuchen aufstellen oder zumindest dem Jäger Bescheid geben, dass dieser Scheuchen aufstellt. Dafür braucht es nur einen Holzpfahl und einen blauen Müllsack. Das kostet so gut wie nichts, die Geißen werden aber gewarnt und bringen ihre Kitze in Sicherheit.

Wie kann ich die Tiere in Sicherheit bringen ? Wenn ich sie anfasse und sie menschlichen Geruch annehmen, dann werden sie doch von ihren Muttertieren nicht mehr angenommen ?

Da hat jeder Jäger seine eigene Methode. Meist werden Grasbüschel in die Hände genommen und damit die Kitze aus dem Feld gebracht. Andere stellen aber auch Kästen oder Boxen über die Tiere und die Bauern mähen darum herum. Auf jeden Fall sollte es unmittelbar vor der Mahd geschehen.

Und was sollte der Bauer tun, wenn er trotzdem ein Kitz anmäh t?

Er sollte auf jeden Fall Polizei oder den Jäger verständigen, damit das Tier erlöst wird. Auch in der Natur kommen Kitze durch Füchse, Dachse oder Wildschweine ums Leben, aber ganz schlimm ist es, wenn sie die Tiere liegen lassen und sich diese tagelang quälen. Die Kitze und die Geißen können wegen ihre Qualen ganz furchtbar laute Schreie äußern. Die Qualen können bis zu sieben Tage dauern, wenn die angemähten Kitze vorher nicht der Fuchs holt. Manche Bauern machen es sich wirklich nicht leicht. Eine Bäuerin hat mir erzählt, dass ihr Mann schon drei Wochen vor dem Mähen Magenschmerzen hat. Anderen ist das alles ganz egal. Es gibt aber auch Jäger, die es nicht kümmert, wenn sie durch Bauern über das bevorstehende Mähen benachrichtigt werden.

Gibt es am System noch etwas zu verbessern ?

Sicherlich kann die Kommunikation zwischen Landwirt, Jäger und uns Tierschützern verbessert werden, nur dann funktioniert auch die Mobilisierung der freiwilligen Helfer durch die Kitzrettung. Auch in den Medien sollte vor der Mähsaison immer wieder auf die Einrichtung hingewiesen werden. In diesem Jahr haben die Veröffentlichungen sehr viel gebracht, das konnte ich den vielen Rückmeldungen entnehmen.

Das Gespräch führte Helmut Engel

KONTAKT

Weitere Informationen und direkten Kontakt zu den engagierten Kitzrettern gibt es über Facebook "Kitzrettung Fichtelgebirge".

Infos gibt es außerdem auf der Homepage www.kitzrettung-oberfranken.de.


    
    

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