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Ora et labora !

Von Kindesbeinen an beschleicht Markus diese beklemmende Angst, wenn ihn die weißen Wände einer Zahnarztpraxis zu erdrücken drohen.

Von Kindesbeinen an beschleicht Markus diese beklemmende Angst, wenn ihn die weißen Wände einer Zahnarztpraxis zu erdrücken drohen. Die Räume werden dann immer kleiner, sie spitzen sich zu und es beginnt im oberen Frequenzbereich zu surren wie eines jener nervtötenden technischen Geräte, die ihm im "bitte etwas weiter" geöffneten Mund herumbohren. Und während der Schweiß seine Stirn benetzt, legt sich eine latexbeschichtete, zumeist kalte Hand auf seinen Arm und beruhigt: "Ich habe noch nicht einmal angefangen."

Nun ist Markus mittlerweile ein stattlicher Mann, die Schläfen und auch schon weite Teile des Haupthaares sind in zartem Friedhofsblond gefärbt - einzig die Angst ist ihm geblieben. Sie muss wohl von jenen Kindesbeinen herrühren, die ihn einst wacklig in die Praxis von Dr. Niebuhr - welch passender Name für einen Zahnarzt - führten, wo er sich einer größeren Operation im kindlichen Mundraum unterziehen sollte. Dr. Niebuhr war ebenfalls ein stattlicher Mann in weißem Kittel mit schütterem Haupthaar. Seine 1,90 wurden nur noch getoppt von der gefühlt endlos langen Spritze, mit der er Klein-Markus in guter Absicht die Schmerzen nehmen wollte, die eine gut einstündige Reparationsprozedur am kariesverseuchten Backenzahn verursachen würde. Der Rest ist Geschichte: Die Zahn-OP dauerte über drei Stunden. Dreimal spritzte Dr. Niebuhr nach und mit drei verschiedenen Bohrern malträtierte er den seinerzeit wohl siebenjährigen Markus.

Mittlerweile ist der Zahnarzt tot. Nur Markus‘ Trauma lebt weiter. Als Zahnärztin hat er sich längst eine alte Schulfreundin ausgesucht. Frauen sind ja eh viel einfühlsamer. Und jene latexbezogene Hand, die ihn von klein auf immer zu beruhigen sucht, stammte in den vergangenen vier Jahrzehnten auch immer von einer Frau. Über die Jahre hat er Vertrauen zurückgewonnen. Und er reinigt sein Gebiss auch - wenn möglich - zweimal pro Tag. Soweit die positive Auswirkung des Traumas. Das beklemmende Gefühl von einst beschleicht ihn aber noch heute, wenn er Praxisräume - egal welcher Art - betritt. Längst sind die Wände dort zwar nicht mehr kahl und weiß. Vielfach hängen sogar bunte Bilder. Dennoch ist das Grün der Schürzen und das Weiß der Hosen bei den Helferinnen gleich geblieben. Und noch immer legt sich ein dünner Schweißfilm auf seine Stirn, wenn der "elektrische Stuhl" seiner Zahnarztfreundin ihn sanft in die Horizontale bewegt und sich die nach wie vor kalte, latexummantelte Hand zur Beruhigung auf seine zum Gebet verschränkten Hände legt. Ein lautes Hilti-Bohren lässt ihn plötzlich hochschrecken ! "Keine Sorge, Markus, über uns zieht nur jemand ein und die renovieren gerade die Wohnung . . ."

    
    

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